Mundmukke Magazin für A cappella & Vokalmusik

Grundlagen

A cappella: von den Comedian Harmonists zur Vokalband von heute

· 6 Min. Lesezeit · Mundmukke Redaktion

„A cappella“ heißt wörtlich „nach Art der Kapelle“ – und meint heute schlicht: Musik nur mit Stimmen, ohne Instrumente. Der Weg von der Kirchenmusik bis zur Vokalband mit Beatboxer und Loop-Pedal ist länger und kurviger, als man denkt.

Ursprung: Chormusik ohne Begleitung

Der Begriff kommt aus dem Italienischen und bezeichnete zunächst geistliche Chormusik, die ohne Instrumente aufgeführt wird. Vielstimmige Vokalmusik der Renaissance, etwa die Motetten und Messen der Zeit um 1500, ist genau so gedacht: mehrere gleichberechtigte Stimmen, die sich umeinander winden. Aus dieser Tradition stammt vieles, was wir bis heute selbstverständlich nutzen – die Aufteilung in hohe und tiefe Stimmen, die Idee, dass jede Stimme eine eigene Linie singt, und das Ideal einer Mischung, in der einzelne Sänger nicht herausstechen.

Mit Popmusik hatte das zunächst nichts zu tun. Die moderne Vokalband entstand aus einer ganz anderen Ecke: aus der Unterhaltung.

Vorläufer: Barbershop, Gospel, Doo-Wop

Im 20. Jahrhundert entwickelten sich vor allem in den USA mehrere Vokaltraditionen, die ohne Instrumente auskamen. Barbershop-Quartette pflegten einen eng gesetzten, obertonreichen Vierstimmsatz. Gospel-Gruppen brachten Rhythmus, Call-and-Response und kräftige Harmonik ein. Doo-Wop-Gruppen der 1950er ersetzten das Schlagzeug durch Silben und die Bassgitarre durch eine tiefe „bum-bum“-Stimme. Aus allen dreien bedient sich die heutige Szene noch immer – oft, ohne es zu merken.

Comedian Harmonists: Berlin, spätes Ende der Zwanziger

In Deutschland ist die Geschichte der Vokalband vor allem eine Geschichte der Comedian Harmonists. Die Gruppe fand sich Ende der 1920er-Jahre in Berlin zusammen (meist wird 1927/28 genannt). Sie bestand aus sechs Männern: fünf Sängern und einem Pianisten. Damit war sie streng genommen keine reine A-cappella-Gruppe, aber ihr Klangbild prägte alles Spätere: witzig arrangierte Sätze, präzise Diktion, Instrumente, die mit der Stimme imitiert wurden, und ein Auftreten, das Humor und handwerkliche Perfektion verband.

Ihr Erfolg endete abrupt. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten wurde es den jüdischen Mitgliedern verboten aufzutreten, weil sie als Juden galten; die Gruppe löste sich 1934 auf. Mehrere Mitglieder mussten emigrieren. Das gehört zur Geschichte dazu: Der wohl berühmteste deutsche Vokalensemble-Klang wurde nicht von der Musik, sondern von der Politik beendet.

Nach dem Krieg: King's Singers, Swingle Singers, Take 6

Nach 1945 wanderte die Idee des Vokalensembles in verschiedene Richtungen weiter. Einige Wegmarken, die gut belegt sind:

  • Swingle Singers: Die Gruppe entstand in den 1960er-Jahren in Paris und sang Bach und andere klassische Musik mit Scat-Silben statt Text. Sie zeigte, dass Stimmen wie ein Instrumentalensemble swingen können.
  • The King's Singers: Sechs Männer, 1968 aus dem Umfeld des King's College in Cambridge hervorgegangen. Sie verbanden Alte Musik, Folk, Pop und Humor und wurden zu einem Maßstab für Ensembleklang und Intonation.
  • Take 6: Sechs Sänger aus den USA, tief im Gospel verwurzelt, mit dichter, jazzgeprägter Harmonik. Ihre Stimmführung gilt bis heute als Lehrbuch für alle, die moderne Akkorde a cappella singen wollen.
  • The Real Group: Ein schwedisches Ensemble, das sauberen Jazzsatz und Popsongs zusammenbrachte und viele Nachwuchsgruppen in Europa beeinflusste.

Die deutsche Szene: Neunziger und Nullerjahre

In den 1990er-Jahren entstand in Deutschland eine eigene Popularität für Vokalbands, die auf Deutsch sangen und ihr Material selbst schrieben. Die Prinzen aus Leipzig – hervorgegangen aus einem Knabenchor-Umfeld – zeigten früh, dass A cappella im Radio funktioniert. Die Wise Guys aus Köln machten daraus ein Konzertphänomen mit eigenen deutschen Texten und einem Publikum, das ganze Hallen füllte. Neben diesen bekannten Namen wuchs eine breite Szene aus Uni-Ensembles, semiprofessionellen Quartetten, Festivals und Wettbewerben.

Wichtig für alle, die selbst einsteigen wollen: Diese Szene lebt vom Ehrenamt und von Amateuren. Wer heute eine Vokalgruppe gründet, steht in einer langen, gut vernetzten Tradition – mehr dazu in unserem Leitfaden zum Gründen einer Vokalband.

Was A cappella heute anders macht

Drei Entwicklungen haben den Klang zwischen den Comedian Harmonists und heute verändert. Erstens die Technik: Mit Mikrofonen, In-Ear-Monitoring und Aufnahmen im Heimstudio können auch kleine Gruppen einen Sound erzeugen, der früher großen Ensembles vorbehalten war. Zweitens das Repertoire: Statt Volksliedern und Schlagern werden aktuelle Charthits, Filmmusik und eigene Songs gesungen. Drittens die Vernetzung: Wer heute eine Gruppe gründet, kann Arrangements, Videos und Lehrmaterial im Netz finden und sich mit Gleichgesinnten austauschen, was in den 1990ern noch Briefe, Kassetten und Zufall bedeutete.

Gleichgeblieben ist das Kernproblem: Vier oder fünf Menschen müssen gemeinsam atmen, gemeinsam stimmen und gemeinsam phrasieren. Kein Effektgerät nimmt dir das ab.

Vocal Percussion und der Sound der Gegenwart

Der größte Klangwandel der letzten Jahrzehnte ist die Rhythmusgruppe aus dem Mund. Was früher Silben wie „dum-dum“ waren, wurde durch Vocal Percussion und Beatboxing zu einem eigenständigen Handwerk: Bassdrum, Snare, Hi-Hat und Effekte, live mit dem Mund erzeugt. Damit klingen Vokalbands heute deutlich näher an Pop, Hip-Hop und elektronischer Musik als noch vor 30 Jahren. Wer selbst damit anfangen will, findet einen Einstieg in Beatbox lernen.

Populär gemacht haben das breite Publikum vor allem zwei Dinge: der Auftritt von Pentatonix, die 2011 die dritte US-Staffel der Castingshow „The Sing-Off“ gewannen, und die „Pitch Perfect“-Filme, deren erster 2012 in die Kinos kam. Beides hat dazu geführt, dass junge Menschen A cappella heute nicht mehr nur mit Kirche oder Kneipenchor verbinden, sondern mit Studiogloss, Choreografie und Social-Media-Clips.

Was daraus für deine Gruppe folgt

Die Geschichte ist kein Selbstzweck. Sie liefert Werkzeuge:

  1. Stilkopie als Übung: Nimm dir je einen Titel im Barbershop-, Gospel- und Doo-Wop-Stil vor und singt sie eine Probe lang bewusst nach. Ihr merkt schnell, welcher Klang zu euch passt.
  2. Hörgewohnheiten erweitern: Hört als Gruppe gemeinsam ein Stück von einer Referenzgruppe und beschreibt, wer wann welche Aufgabe übernimmt: Melodie, Bass, Rhythmus, Füllstimmen.
  3. Eigenes Material trauen: Die deutsche Szene zeigt, dass eigene Texte und Arrangements funktionieren. Wie ihr aus einem Song einen Satz baut, steht in A cappella arrangieren.

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